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Der Dietwiler Zwingrodel von 1530

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Am 9. Dezember 2008 hat die Wohler Historikerin Dr. Anne-Marie Dubler als Referentin spannend und bildreich Licht auf den historischen Alltag unserer Gemeinde Dietwil geworfen: 

Die Dietwiler – Untertanen unter Zwingherr und Landvogt

Was der Zwingrodel von 1530 aus dem Dietwiler Alltag erzählt

Bei ihrer Arbeit an der Rechtsquellenedition "Die Freien Ämter III. Die Ämter Meienberg und Merenschwand" stiess die Referentin auf eine ungewöhnliche Geschichtsquelle – auf einen in Leder gebundenen prächtigen Pergamentband, wie er in keinem anderen Oberfreiämter Gemeindearchiv zu finden war. Der nun bald 500-jährige Dietwiler Zwingrodel ist ein Rechtsbuch, das der Dietwiler Dorfverwaltung von 1530 bis 1798, also während 268 Jahren, als Nachschlagewerk und Leitfaden diente. Er enthält in 53 Artikeln die damals gültigen Rechtssätze, Ordnungen und Vorschriften, die im Zwing (Bezirk) Dietwil das Rechts-, Wirtschafts- und Dorfleben regelten.

 

Auf den Einbanddeckeln, vorn und hinten, prangt gross das Wappen der Stadt Luzern – nicht von ungefähr, denn Dietwil war eine luzernische Herrschaft. Eingangs des Zwingrodels demonstriert Luzern denn auch all seine Vorrechte in Dietwil. Ein luzernischer Ratsherr, "Zwingherr" genannt, wachte im Namen von Schultheiss und Rat von Luzern über das Territorium und die Einhaltung von Law and Order. Nur am Rand sagt uns der Zwingrodel, dass die Dietwiler auch Untertanen in der Landvogtei Freie Ämter waren und damit dem eidgenössischen Landvogt unterstanden. Das heisst, dass die Dietwiler "doppelte" Untertanen unter Luzern und unter den Eidgenossen waren.

 

Die Mehrzahl der Artikel ist aber nicht der hohen Politik gewidmet, sondern der Gemeinde und den Gemeindeangelegenheiten. Der Zwingrodel zeigt, wie sich die Dietwiler ohne Präsenz ihrer Oberherrschaft selbstständig organisierten und ihr Dorfleben selber ordneten: Es war die "Gemeinde" – die Gemeindeversammlung –, die in Gemeindebeschlüssen durch das Mehr die Regeln für den wichtigsten Wirtschaftszweig, die Landwirtschaft, aufstellte. Ein Gemeinderat der "Vier" unter dem Vorsitz des Ammanns setzte mit Bussengewalt die Regeln durch. Anders als heute hatte die damalige Landwirtschaft die Selbstversorgung der Bevölkerung zu gewährleisten: Bei einem traditionellen Speisezettel mit Brot und Mus (Getreidebrei) als Hauptspeise dominierte Getreidebau die Kulturlandschaft: Kornfelder belegten die besten Lagen auf der Talterrasse und Matten, zur Bewässerung dem Dorfbach entlang angelegt, die nächstbesten; strauchiges, steiniges, versumpftes Land im Talboden und in den Schachen wurde zum dörflichen Weideland "Allmend", und an der Grenze zu Fenkrieden und Rüti lag der Gemeindewald. Wie einer heutigen Diskussion um ökologisches Verhalten entnommen, erscheinen Verfügungen zum Ackerbau, zur Weide- und Waldwirtschaft: Das damalige Siedlungs- und Wirtschaftskonzept stand ganz für den sorgfältig-sparsamen, ökologischen Umgang mit den Ressourcen Ackerboden, Wasser, Weide und Wald. Nur ein kleines Beispiel: Es wurde jener bestraft, der sein geschlagenes Bürgerholz nicht wegbrachte, sondern im Wald liegen und nutzlos verfaulen liess!

Die Referentin hat den Zwingrodel kritisch unter die Lupe genommen und hat dabei einige Entdeckungen gemacht: Ohne eigenes Zutun hatte sich Dietwil nämlich im Zentrum eines luzernisch-eidgenössischen Kompetenzenstreits befunden, was der Gemeinde unter dem Strich vermehrte Selbstständigkeit eintrug. In dieser Situation konnte sie ihre Wirtschaft und ihr Dorfleben ohne Eingriffe von aussen selbstständig ordnen.

Vortrag mit Präsentation vom 9. Dezember 2008

Dietwiler_Zwingrodel_Präsentation.jpgDen Vortrag mit Power-Point-Präsentation vom 9. Dezember 2008 stellt Frau Dr. Anne-Marie Dubler zum Nachlesen hier zur Verfügung. Die unterhaltsamen Illustrationen werden Sie in die damalige Zeit zurückversetzen. Frau Dubler wird Sie mit dieser Präsentation in den Bann des Dietwiler Zwingrodels sowie der damaligen Geschichte ziehen:

Dietwiler Zwingrodel: Präsentation Vortrag vom 9. Dezember 2008 [PDF, 2.00 MB]

Separatabdruck aus der Jahresschrift der Historischen Gesellschaft Freiamt

Die Historische Gesellschaft Freiamt hat die Geschichte des Dietwiler Zwingrodels in ihrer Jahresschrift, 75. Jahrgang 2008, veröffentlicht. Der Artikel wurde der Gemeinde Dietwil für den Separatabdruck überlassen. Der Historischen Gesellschaft Freiamt wird dafür recht herzlich gedankt. Dieser Separatabdruck der Seiten 7 bis 27 aus "Unsere Heimat" kann im Onlineschalter, Rubrik Diverses, als Druckversion bestellt oder heruntergeladen werden.

Dietwiler Zwingrodel: Separatabdruck  [PDF, 1.00 MB]

Restaurierung

Der Gemeinderat hat den Dietwiler Zwingrodel von 1530 restaurieren lassen. Dieser bemerkenswerte Zeuge der Vergangenheit war in einem sehr schlechten Zustand. Das oft konsultierte Dietwiler Original hat deutliche Spuren des Gebrauchs aufgewiesen: Der Lederrücken hat gefehlt und beide Deckel waren abgefallen, seine Pergamentblätter waren verschmutzt, waren teilweise im Falz eingefaltet und haben Quetschfalten aufgewiesen, an einigen Seiten waren die Seiten abgegriffen.

Das Atelier für Buch- und Papierrestaurierung, Atelier Strebel AG, Hunzenschwil, hat die Restaurierung erfolgreich vorgenommen.

Dietwiler Zwingrodel: Protokoll der Restaurierung  [PDF, 22.0 MB]

Sonderdruck aus dem Tagungsband zur Eroberung des Aargaus 1415

Im Tagungsband "Eroberung und Inbesitznahme. Die Eroberung des Aargaus 1415 im europäischen Vergleich" vertritt die Historikerin Anne-Marie Dubler die ihr aus ihren Rechtsquellen-Editionen und Publikationen wohlbekannten Gemeinen Herrschaften im Aargau, nämlich die beiden ersten von den Eidgenossen gemeinsam beherrschten und verwalteten Gebiete der "Grafschaft Baden" und vor allem der "Freien Ämter" mit ihrem Beitrag:

Die Gemeinen Herrschaften im Aargau. Eidgenössische Landesverwaltung im Wettstreit der Orte um Gebietsgewinn an der "Beute Aargau".

Hier sehen wir in Text und Karten, wie die Stadt Luzern mit dem Kauf von Dietwil bereits 1422 ihren Fuss über die neue Brücke von Gisikon auf das linke Reussufer setzte und ab da ihr Staatsgebiet sukzessive reuss- und bünzabwärts auszudehnen suchte. Wie sie ihre Herrschaft ausübte, dokumentiert ja der Zwingrodel facettenreich.

Die Annexion des von ihr und der Konkurrentin Stadt Zug durch vier Jahrhunderte gehätschelten Oberfreiamts gelang zwar nicht – das Oberfreiamt kam wie das untere zum Kanton Aargau. Doch heute sind die Oberfreiämter Pendlersiedlungen trotz Zugehörigkeit zum Aargau Teil der wirtschaftlich florierenden Agglomeration Zug-Luzern-Zürich. Bei den Pendlersiedlungen aber verzeichnet Dietwil mit 93 Prozent die mit Abstand grösste Bevölkerungszunahme im Oberfreiamt dank des grossen Baubooms ab 1980.

Sonderdruck Dubler: Die Gemeinen Herrschaften im Aargau (Ausgabe 2017)  [PDF, 430 KB]

 

 

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